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Gelegentliche Kommentare zu den Weltläuften und manchen Gebresten

Mittlerweile äußern sich ja Hinz & Kunz zu allem und jedem. Da darf ich doch nicht fehlen, habe ich mir gedacht.

Da ich zur Zeit als Pressesprecher des Magistrats der Stadt Bremerhaven tätig bin, muss ich mich selbstverständlich (oder manchmal: leider) mit Äußerungen zurückhalten, die schnell als offizielle Stellungnahme gewertet werden könnten. Deshalb möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass alles, was hier zu lesen ist, allein auf meine Kappe als Privatmensch mit seiner Privatmeinung geht. Dass ich Journalist und Publizist bin, bringt es natürlich mit sich, dass ich mich gerne mit Themen meiner Profession befasse. Besonders angetan haben es mir die Medienhuren, die für eine noch so windige Geschichte gerne mit Leuten, übertragen geprochen, ins Bett gehen und sich mit ihnen gemein machen. Gerade Lokalzeitungen, die seit geraumer Zeit mehr oder weniger ums Überleben kämpfen, sind hier besonders anfällig. Doch anders als bei überregionalen Medien "kennt man sich" im lokalen oder regionalen Umfeld.

 

Ein anderes Thema, das mich zwangsläufig interessiert, ist das Altern und die Ersatzteile, die einem das Altern leichter machen sollen. Da ich im vergangenen Jahr zwei derartige Hilfen in Anspruch nehmen dufte, musste ich die Erfahrung machen, dass unabhängige Meinungen oder Erklärungen oder Erfahrungen ausgesprochen schwierig zu finden sind. Die Herstellerfirmen stellen das Netz mit ihrem Marketinggeschwurbel so voll, dass sozusagen Betroffene eher nicht zu finden sind. Das eine Thema, das mich beschäftigt hat, dreht sich um die weniger werdenden echten Zähne und das andere Thema sind Hörgeräte.

Journalistischer Offenbarungseid

Im Anzeigenblatt Elbe-Weser-Aktuell erschien ein Bericht von einer Veranstaltung des Bremerhavener Presseclubs, in der ich zu Gast sein durfte. Thema war im Wesentlichen die Arbeit als Pressesprecher, wobei auch einige persönliche Facetten zur Sprache kommen durften. Ich fand das Gespräch mit der Vorsitzenden des Presseclubs Dörte Behrmann angenehm. Nur als ich, von einem Kollegen aufmerksam gemacht, lesen durfte, was ein Schreiberling für das Anzeigenblatt in seinem "Bericht" geschrieben hat, fand ich es doch sehr amüsant, aber auch mehr oder weniger typisch für eine Entwicklung im Journalismus, die man nicht anders als Entprofessionalisierung bezeichnen muss. Ich habe selten so viel Falsches gelesen. Dass der Mitarbeiter des Werbeblatts es nicht einmal schafft, meinen Namen richtig zu schreiben, geschenkt. Dass aber auch sonst fast gar nichts stimmt, ist schon bestürzend. Von den Schreib-, Rechtschreib- und Grammatikfehlern will ich gar nicht anfangen, da sie so zahlreich sind. Wer sich den Mist antun will, wird hier fündig: https://elbe-weser-aktuell.de/handwerklich-gut-muss-es-sein/

01.02.2020 

 

Versuch zu verstehen

Auf's Neue freut man sich immerdar, 

Obgleich das Alte oft besser war.

Johann Nepomuk Vogl, österreichischer Schriftsteller, Lyriker und Publizist (1802 - 1866)

 

Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuß ersten Ranges erleben läßt. [So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welche der Faschismus betreibt. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung der Kunst.]

Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (Dritte Fassung). Suhrkamp, Frankfurt 1980, Seite 508.

 

 

 

Rund vierzig Jahre glaubte ich die Welt bzw. die Gesellschaft zu verstehen. Im Grunde meinte ich zu wissen, wie Gesellschaft funktioniert. Ich wusste auch, dass in einem kapitalistisch grundierten System Vieles falsch war, dass es verbessert werden musste und auch verbessert werden konnte. Und meinem Eindruck nach auch wurde. Ja, ich wusste, dass der Fortschritt eine Schnecke sei. Aber mit der Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten 1969 und dann der Bildung der ersten sozialliberalen Bundesregierung mit Willy Brandt als Bundeskanzler war es für mich unübersehbar, dass Veränderung im Land möglich war. Es gab dann auch spürbar Veränderung auf vielen Gebieten. Das mit „mehr Demokratie wagen“ war zwar mehr Versprechen bzw. Forderung als reale Politik, doch auf gesellschaftspolitischer Ebene von der Aufhebung des Homosexuellenparagrafen 175 des Strafgesetzbuchs, über die Emanzipation der Frau bis hin zur neuen Ostpolitik war Bewegung in die Gesellschaft gekommen, allerdings zur Bedingung des erbitterten politischen Streits.

 

Heute habe ich immer öfter den Eindruck, dass ich die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen nicht mehr verstehe. Ich fühle mich zunehmend fremd in dieser Welt, in der ich lebe und arbeite. Heute sind politische Meinungen en vogue, von denen ich geglaubt habe, sie seien auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Oder etwas anderes: Während ich in Milieus verkehrte, in denen es einen zumindest wolkig linken Grundkonsens gab und in denen es eher exotisch war, einem CDU-Anhänger zu begegnen, dringen nun als populistisch zu bezeichnende Ansichten und Meinungen in den eigenen persönlichen Lebenskreis vor. 

 

Ich sehe immer mehr, wie wenig ich von den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verstehe. Ich verstehe jedoch immer mehr die Komplexität des gesellschaftlichen Lebens, das leider und oft zu wenig von rationalen Entscheidungen geprägt wird, oft vielmehr von emotionalen. Immer häufiger sehe ich, dass sich Leben in Zugehörigkeitskreisen abspielt, die andere Wirklichkeiten nicht mehr nicht erkennen, sondern sie als gar nicht existent betrachten. Frei nach dem Motto: Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Mir scheint es immer häufiger anzutreffen zu sein, dass es Menschen gibt, die leugnen, dass es andere Wirklichkeiten als die eigenen gibt und sogar die Möglichkeit ausschließen, dass es diese Wirklichkeiten üerhaupt geben könnte. Nun ist das aber gar kein neues Phänomen, sondern lange bekannt (vgl. Kahneman und das Gorilla-Experiment)[1]. Was ist dann heute anders? 

 

Mit einer gewissen Überraschung habe ich in meiner Büchersammlung ein Buch mit dem Titel „Populismus und Aufklärung“[2] gefunden, es ist aus dem Jahr 1986. Aha, habe ich gedacht, so lange gibt es das Phänomen also schon. Ja, aber auf gewisse Weise ist es Mitte der 1980er Jahr doch anders als heute.

Fortsetzung folgt

[1] Daniel Kahneman: Schnelles Denken, Langsames Denken, a. d. Amerikanischen v. Thorsten Schmidt, Penguin München 2011, 621 S.

[2] Dubiel, Helmut (Hrsg.): Populismus und Aufklärung, edition suhrkamp 1376, Ffm 1986