Bremerhaven benötigt endlich eine Wohnungsbaupolitik im Kontext einer realistischen Stadtentwicklung!
Der noch junge (jung an Jahren und jung im Amt) Baudezernent Maximilian Charlet (CDU) scheint es darauf anzulegen, ein würdiger Nachfolger seines erfolglosen Vorgängers zu werden, was schade ist. Denn mit seiner Aussage in der Stadtverordnetenversammlung am 4. Dezember 2025, dass es in Bremerhaven tausende Wohnungen zu viel gebe (laut Nordsee-Zeitung vom 8. Dezember 2025: „10.000 bis 20.000 Wohnungen“), hat er für Irritationen gesorgt. Da half auch die offensichtlich noch nachgeschobene Aussage, „dass es punktuell trotzdem richtig sei, neuen Wohnraum zu schaffen, um die Stadt voranzubringen – etwa im Werftquartier.“ (NZ 8.12.25) nicht viel. Nach Kritik von der SPD musste er dann zurückrudern und erklären, „dass in der Seestadt nicht 10.000 oder 20.000 Wohnungen zu viel auf dem Markt sind“, um zu präzisieren, „dass Bremerhaven seit den 1980er-Jahren rund 20.000, seit den 1990er-Jahren rund 10.000 Einwohner verloren habe. Der Rückgang habe zu einem Überangebot an sehr einfachem oder nicht instand gehaltenem Wohnraum geführt und in einzelnen Quartieren Problemimmobilien begünstigt.“ (https://www.nordsee-zeitung.de/bremerhaven/baustadtrat-charlet-widerspricht-geruechten-zum-leerstand--338640.html)
Diese Aussagen sind befremdlich. Deshalb möchte ich ein paar Fakten zu dieser „Diskussion“ beisteuern.
Dazu sollte man sich die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt in Bremerhaven etwas genauer anschauen. 2002 gab es in der Gesamtstadt 66.259 Wohnungen. Aufgrund des Rückgangs der Bevölkerungszahlen wurde zu dieser Zeit ein umfassendes Rückbauprogramm beschlossen, mit dem Ziel rund 8.000 Wohnungen abzureißen. Tatsächlich wurden im Rahmen dieses Stadtumbauprogramms rund 2.000 Wohneinheiten beseitigt (https://sitzungsapp.bremerhaven.de/ris/bremerhaven/agendaitem/details/31930). So sank die Zahl der Wohnungen in der Folge auf den bisher niedrigsten Stand im Jahr 2013 mit 62.868 Wohnungen. Seitdem steigt die Zahl der Wohnungen kontinuierlich wieder. 2023 (soweit reicht die aktuelle Statistik) werden für Bremerhaven 65.151 Wohnungen verzeichnet. Die Stadt nähert sich also dem Stand von 2002, als beschlossen wurde, den Wohnungsbestand zu reduzieren.
Hier eine Auswahl aus der Entwicklung der Wohngebäude und der Wohnungen in Bremerhaven zwischen 2002 und 2023:
Nun kann man natürlich den Bedarf an Wohnungen nicht unabhängig von der Entwicklung der Bevölkerungszahlen sehen. Und auch wenn der eine oder andere politisch Verantwortliche von Bremerhaven als wachsender Stadt redet, geben das die harten Zahlen leider nicht her, wie einige ausgewählte Zahlen der Bevölkerungsentwicklung zeigen. So hatte Bremerhaven im Jahr 1965 mit 146.220 die höchste Zahl von Einwohnerinnen und Einwohnern in der Geschichte der Unterweserorte (Lehe, Geestemünde, Bremerhaven). Seitdem ging die Bevölkerungszahl kontinuierlich zurück und erreichte 2012 ihren Tiefststand mit 108.323. Als Anfang der 2000er Jahre ein Wohnungsrückbauprogramm beschlossen wurde, hatte die Stadt seit Anfang der 1990er Jahre rund 12.000 Personen verloren. Erst ab dem Jahr 2015 nahm die Bevölkerungszahl wieder zu und pendelt sich seit einigen Jahren bei rund 118.000 Personen ein.
Ein Blick in die Statistik verdeutlicht das. Ebenso die wahrscheinliche Entwicklung der Bevölkerungszahlen in Zukunft. Für den Bedarf an Wohnungen ist diese Frage durchaus von Bedeutung. Dazu hat die Bremische Landesregierung vom das Statistische Landesamt Bremen Berechnungen anstellen lassen:
(Quelle: https://www.rathaus.bremen.de/sixcms/media.php/13/20251014_top_5_Bevoelkerungsvorausberechnung.pdf)
Das bedeutet, dass Bremerhaven im Jahr 2044 mit größter Wahrscheinlichkeit nach diesen Berechnungen kaum 1.000 Personen mehr als aktuell zählen dürfte, konkret 119.779 (!). Bemerkenswert ist, dass das Statistische Landesamt Bremen jährlich mit Fortzügen im Rahmen der Binnenwanderung von rund 200 Personen in den nächsten 20 Jahren rechnet, Zuzüge gäbe es demnach in der Größenordnung von ca. 550 vor allem aus dem Ausland.
Insofern hat der Stadtrat Charlet durchaus recht, wenn er sagte, dass in Bremerhaven nicht der Druck herrsche, schnell neuen Wohnraum zu schaffen. Aber hat er recht, wenn er fortfährt, „dass es punktuell trotzdem richtig sei, neuen Wohnraum zu schaffen, um die Stadt voranzubringen – etwa im Werftquartier.“ (https://www.nordsee-zeitung.de/bremerhaven/baustadtrat-charlet-haben-tausende-wohnungen-zu-viel-in-bremerhaven-337596.html)?
Ob diese Aussage zu halten ist? Daran sind Zweifel angebracht.
Denn es sind in den gerade zurückliegenden Jahren nicht wenige neue Wohnungen in Bremerhaven gebaut worden, meist mit hohen Standards und oft barrierefrei oder barrierearm, ich zähle nur einige auf: Seilerstraße-Ost, Quartier am Warringspark, Geestheller Damm, Reinkenheider Forst, Hinterbebauung Villa Schlotterhose, Neubau Wurster Straße, Neubau Rheinstraße, Kistnergelände, Hartwig-/Virchowstraße etc.
All diese Neubauten entsprechen im Wesentlichen der Zielsetzung, die vom Magistrat und dann der Stadtverordnetenversammlung für das Jahr 2025 beschlossen wurde. Sie beruhte, und daran muss man deutlich erinnern, auf einer GEWOS-Studie von 2012, die die Situation auf dem Wohnungsmarkt in Bremerhaven in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung sehr genau analysierte (Offshore-Windenergie, Chance für den Wohnstandort Bremerhaven, Endbericht Hamburg April 2012, https://sitzungsapp.bremerhaven.de/ris/bremerhaven/file/getfile/64864). Diese Studie, übrigens ebenso wie ihre Vorgängerin von 2008, wurde in enger Abstimmung mit dem sogenannten Runden Tisch der Wohnungswirtschaft erstellt. Dieser Runde Tisch dürfte eine Besonderheit darstellen, weil dort die ehemals gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften und -genossenschaften (unter Beteiligung des privaten Wohnungsunternehmens Stindt) zusammengeschlossen sind. Die sich hier treffenden Wohnungsunternehmen sind die weitaus größte Vermietergruppe der Stadt, die bisher garantierten, dass Wohnen in Bremerhaven nicht zuletzt unter sozialen Gesichtspunkten und nicht nur unter Gewinnaspekten begriffen wird.
Um nun auf die GEWOS-Studie zurückzukommen: Sie wurde auch deshalb angefertigt, um sich auf den erwartenden Wirtschaftsboom durch den Ausbau der Windenergieanlagen einstellen zu können. Dennoch ist es ernüchternd, was die Fachleute 2012 schrieben: „Von seiner wachsenden Bedeutung als Arbeitsort konnte Bremerhaven aber nicht in vergleichbarem Umfang als Wohnort profitieren – im Gegenteil. Während beispielsweise die Gemeinden Schiffdorf, Langen und Cuxhaven ihre Bedeutung als Wohnort im Zeitraum von 2000 bis 2010 bei zugleich steigenden Auspendlerzahlen zum Teil deutlich steigern konnten, weist Bremerhaven die entsprechend gegenteilige Entwicklung auf. Während die Zahl der Einpendler und die Bedeutung Bremerhavens als Arbeitsort in den vergangenen Jahren erkennbar zugenommen haben, ist die Einwohnerzahl weiter rückläufig.“ (GEWOS-Studie, S. 24 f.) Es hat sich gezeigt, dass trotz Zunahme von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigtenzahlen eine Zunahme auf dem Wohnungsmarkt praktisch ausblieb.
Nun wird hinsichtlich des Wohnungsmarkts, vor allem im Hinblick auf die Entwicklung des Werftquartiers das Prinzip Hoffnung herangezogen nach dem Motto, wenn wir attraktive Wohnungen haben, kommen auch Leute, die bisher zum Beispiel in Bremen wohnen, nach Bremerhaven. Auch wenn die Zahlen nun schon älter als zehn Jahre sind, sind sie bemerkenswert. Auf die Frage „Können Sie sich einen Umzug nach Bremerhaven vorstellen?“ antworten 92 Prozent von in Bremen wohnenden, aber in Bremerhaven Beschäftigten mit NEIN (GEWOS-Studie S. 44). Bei Menschen, die im Landkreis Cuxhaven wohnen, sind es immerhin 52 Prozent, die nein sagen.
Die GEWOS-Studie, deren Lektüre ich sehr empfehlen kann, kommt zum Fazit:
„Aus der rechnerischen Saldierung der Wohnungsnachfrage (Haushalte) und des Wohnungsangebotes ergibt sich für den Gesamtmarkt Bremerhavens kein Neubaubedarf (Hervorhebung V.H.). Das Wohnungsangebot wird die Wohnungsnachfrage auf absehbare Zeit übersteigen. Eine Trendumkehr bei der Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung ist trotz der positiven Beschäftigungsentwicklung bisher nicht zu erkennen.“ (GEWOS-Studie 2012, S. 55) Immerhin sah die Studie einen Bedarf an qualitativ höherwertigen Neubauten, vor allem als Lückenbebauung und direkt am Wasser.
Es hat seitdem keine veröffentlichte Studie zum Bedarf an Wohnraum in Bremerhaven gegeben. 2018 gab es eine Einschätzung von „empirica regio“, einem Institut, das Rahmendaten für die Immobilienwirtschaft bereitstellt, die zu dem Schluss kam, dass ca. 1.000 neue Wohnungen in Bremerhaven verträglich seien, weil für sie Bedarf bestehe, 1.700 neue Wohnungen wurden als worst case bezeichnet. Dabei waren die Wohnungen, die als Problemimmobilien gelten, noch nicht im Blick. Laut Sachstandsbericht des Bauordnungsamt für den Bau- und Umweltausschuss am 6. 2. 2025 gab es am 27. 1. 2025 insgesamt 239 Problemimmobilien. Die sog. Schrottimmobilien sind meines Wissens noch nicht in diesen Zahlen enthalten. Das städtebauliche Problem in diesem Zusammenhang besteht darin, dass bei der Fokussierung auf (qualitativ gehobenen) Neubau die durchaus auch qualitativ gehobenen Ansprüchen genügende Sanierung vorhandener Gründerzeitbauten in Lehe und Geestemünde beendet werden könnte. Das wäre fatal. Die Folge wäre ein weiterer Verfall ohnehin schon problematischer Bauten, was dann auch soziale Probleme bereiten würde.
Bei der 2019 noch immobilienwirtschaftlich verträglich genannten Zahl von ca. 1.000 neuen Wohnungen war allerdings das Werftquartier noch gar nicht im Blick. Ganz am Anfang der Planungen zum Werftquartier war noch von ca. 400 neuen Wohnungen die Rede, dann, 2019 von 820 neuen Wohnungen, die dort entstehen sollten. Aktuell schreibt der Magistrat bzw. die BIS, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt, die auch im Bereich Stadtentwicklung aktiv ist, dass im Werftquartier Wohnungen für mehr als 6.000 Menschen entstehen sollen, das würde eine Zahl von ca. 4.000 Wohnungen bedeuten. Nebenbei sollen dort auch 4.000 Arbeitsplätze entstehen (https://www.bis-bremerhaven.de/de/stadtentwicklung/werftquartier). Das ist alles sehr optimistisch gedacht. Nur fragt sich, auf welcher Grundlage beruhen diese Zahlen und Erwartungen? Wer soll dort wohnen?
Abgesehen vom Trauerspiel der verschiedenen Bebauungsplanverfahren im Werftquartier, von dem der Sachstandsbericht des Stadtplanungsamts im Bau- und Umweltausschuss am 6. 2. 2025 beredt Zeugnis ablegt (vgl. Anlage zur Vorlage VI 3/2025, https://sitzungsapp.bremerhaven.de/ris/bremerhaven/file/getfile/256308)
Anfang August 2025 wurde von einer Privatinvestorengruppe um Dieter Petram und die Familie Ehlerding ein sogenannter Baustart inszeniert (vgl. https://www.heigenmoosers-wortmanufaktur.de/2025/08/04/baustart-mit-einer-gewissen-anrüchigkeit/), dem faktisch nichts folgte. Der versprochene und notwendige Bodenaustausch auf der vorgesehenen Baufläche hat dem Augenschein nach bisher nicht stattgefunden. Ich vermute, aus gutem Grund. Zum einen scheinen die Bestandsgebäude auf dem Gelände der ehemaligen Seebeckwerft gewerblich gut vermietet oder verpachtet zu sein, zum anderen dürfte den Investoren doch Bedenken gekommen sein, ob ihre etwas sehr voluminösen Pläne für hochwertige Wohnungen in hochgeschossigen Gebäuden sich rechnen werden. Denn wie titelte jüngst die Immobilienzeitung: „Weniger Nachfrage nach Premiumwohnen“ (https://www.iz.de/maerkte/news/-weniger-nachfrage-nach-premiumwohnen-2000039721)?
Langer Rede, kurzer Sinn: Vielleicht wäre es angebracht, die Wohnungsbaupolitik in Bremerhaven im Kontext einer realistischen Stadtentwicklung mal auf reelle Füße zu stellen und genauer zu untersuchen, welcher Bedarf tatsächlich in der Stadt besteht.