© Manto Sillack
Johann P. Tammen ist am 26. Dezember 2025 im Alter von 81 Jahren gestorben. Er war ein besonderer Mensch, ein großartiger Lyriker und wichtiger Botschafter der Literatur. In Erinnerung an ihn stelle ich hier das Transkript eines Gesprächs vom Dezember 1994 ein, das ich mit ihm über den damals neuerschienenen Band „Hortmachers Launen“ für Radio Bremen geführt habe.
V.H.: Johann Peter Tammen, 1944 in Hohenkirchen in Ostfriesland geboren, gilt in sozusagen eingeweihten Kreisen seit vielen Jahren als wichtiger Lyriker. Bekannter ist er zweifellos als Redakteur und seit kurzem auch Herausgeber der "Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik" die horen. Die Reihe der eigenständigen Publikationen ist nicht sehr lang, das bisher veröffentlichte Werk findet sich vor allem in Anthologien und nicht zuletzt in beispielsweise amerikanischen Zeitschriften. In der Presse von Eric van der Wal ist nun ein Titel erschienen, der als „Das neue Buch in Niedersachsen 1994“ ausgezeichnet wurde. „Hortmachers Launen“ heißt das neueste Bändchen, das sehr schön aufgemacht ist. Für mich stellt sich nun die Frage, was ist der Hortmacher, ist es derjenige, der einen Schatz hütet, oder der, der einen Zufluchtsort bereitet?
Johann P. Tammen: Der Hortmacher ist, fast bin ich geneigt zu sagen, im negativen Sinne, ein Obhutstifter. Er ist keine feste Figur, keine klar identifizierbare Figur, er ist jemand, der in allen möglichen Tarnungen in gewisser Weise vorkommt, der selber abhängig ist von Obhut. Er ist jemand, der sich durch die Zeiten bewegen kann, er kann ein Klabautermann und ein Verlorengegangener sein. Er ist eine Art Unruhestifte und er ist identifizierbar auch ein Melancholiker, aber einer von der sanften, leisen Sorte.
Es fällt auf bei den Gedichten, dass sie eigentlich alle, selbst dort, wo sie sehr melancholisch sind, einen verschmitzten Unterton haben. Ist das die Form mit den Unbilden des Alltags fertig zu werden?
Ja, er ist fraglos auch ein Weltengänger, er kennt oder gibt zumindest vor, die Welt von allen Ecken und Enden her zu kennen. Er durcheilt sie auch als ein solcher, der Kenntnis hat von der Welt, der die Unordnung der Welt kennt und manchmal sich anmaßt, Ordnung stiftend unterwegs zu sein, was ihm meist nicht gelingt. Insofern ist er ein relativ mühelos identifizierbares Abbild von Weltenfiguren, von menschlichem Los, von menschlichem Alleinsein, von menschlichem Harmoniebedürfnis. Er spiegelt all das wider. Er ist mitunter ehrgeizig, im Abersinn Sinn zu stiften, tut das aber glücklicherweise indem er seinerseits wieder abersinnig daherkommt. Er ist insofern auch die ideale Gedichtfigur, wenn man von einer Figur in einem Gedicht sprechen kann. Er ist natürlich nicht vergleichbar mit einer episch abbildbaren oder abgebildeten Person. Er ist insofern nicht identifizierbar. Das aber reizt mich als seinen Erfinder natürlich umso mehr, ihm auf der Spur zu bleiben.
Mir ist aufgefallen, dass der Hortmacher sich stark in der Natur bewegt, dass es zwei Pole gibt, auf der einen Seite die Natur zu erfassen, und auf der anderen Seite menschliches Verhalten in der Natur abzubilden. Das ist eine besondere Qualität der Gedichte, dass sie versuchen, diese zusammenzubringen, aber richtig funktioniert es nicht.
Es ist oft in diesen Gedichten zu beobachten, dass dieser Hortmacher sich immer noch sicher zu sein scheint, dass der Himmel über ihm ist und daß die Grube unter ihm ist, und er bewegt sich spielerisch, launenhaft, verzückt und bedrückt zwischen Himmel und Erde. Ein bisschen ist er vielleicht auch vergleichbar mit den Erzählfiguren der Romantiker, er versucht etwas auszuforschen, was wir einerseits längst bis in die wüstesten Verirrungen hinein kennen oder zu kennen glauben, was uns die Naturwissenschaftler, die Wissenschaften generell längst erklärt haben. Er misstraut aber diesem Wissen, über das wir verfügen, er misstraut der Wissenschaftlichkeit. Andererseits borgt er sich von diesem Wissen auch immer den Teil, der ihm nötig zu sein scheint, die Welt für sich zu erforschen.
Das Stichwort romantisch bringt mich dazu zu fragen, ist es richtig, dass für Sie Jean Paul oder Albert Vigoleis Thelen mit seinem "Gläs der Worte" die Altarfiguren Ihrer Lyrik sind?
Ja, das ist von mir nie geleugnet worden, dass es sozusagen Hausgötter gibt, große Erzähler, große Dichter. Jede Dichtung zehrt von Vorbildern. Literatur ist immer auch Zitat, und ich persönlich bin, solange ich Gedichte schreibe, seit immerhin mehr als dreißig Jahren, auch diesen Vorbildern auf der Spur, orientiere mich an ihnen wie jeder, der schreibt. Und ich versuche auch das, was mir im Gedicht eines Hausgotts gelungen zu sein scheint, in meinen Gedichten weiter zu schreiben, ohne dabei in der Spur kleben zu bleiben. Also auch mit dem Ehrgeiz Abstand zu gewinnen, und wiederum Neues zu schaffen. Das ist ja auch das oberste Gebot für jede ästhetische Unternehmung, nicht zu verharren, sondern darauf zu beharren, dass es Wandel gibt.
Wenn ich mir Ihre selbständigen Veröffentlichungen ansehe, dann liegen ja doch sehr lange Zeiträume dazwischen. Beim Wiederlesen des Bandes "Kopf hoch kalte Wut" (1979), lässt sich eine trotzige Haltung erkennen, die noch dezidiert politisch war. Das hängt sicherlich mit der Zeit zusammen, aber auch bei den Launen des Hortmachers ist diese trotzige Haltung spürbar, eine Haltung, die sich den Widrigkeiten unseres Lebens entgegensetzt, aber sie ist intimer, persönlicher, privater geworden.
Das Unterwegs-Sein des Autors zu Zeiten dieses älteren Bandes „Kopf hoch, kalte Wut“ war sicherlich oft zu identifizieren als ein auch theatralischer Elan. Es waren Bewegungen, Orientierungsbemühungen, die nicht frei waren von einer solchen Theatralik. Das sind Gedichte gewesen, die ja auch zu einer Zeit entstanden, als man noch daran glaubte, dass man mit dem Gedicht auf der Straße die Welt verändern konnte. Es sind Spuren von Agitprop nachzulesen in diesen frühen Gedichten, obwohl ich glaube, dass mir Agitprop im engsten Sinne zum Glück nie gelungen ist. Aber sie waren natürlich durchsetzt auch, es gab Berührungen bis hin zur Versehrung, könnte man pathetisch sagen. Der Elan war vorhanden, wir waren unterwegs auch in einer gewissen Gläubigkeit, dass man sozusagen mit patenten Schrittfolgen eingreifen könnte in das Dilemma und umgestalten könnte aus dem Augenblick. Dass dies ein Irrtum war, ist uns längst allen vertraut. Es war andererseits auch wichtig, dass solche Irrtümer sich in diese früheren Gedichte von mir mit einschleichen konnten. Sie waren ja insofern auch nur Abbild einer heftigen Bewegung, und die musste studiert werden.
Und das heißt nun in der neuen Gedichtfolge, zurückhaltender, dem politischen Patentrezept misstrauischer gegenüber sein?
Ich habe nie daran geglaubt, dass es das politische Gedicht in diesem vordergründigen Sinne als eingreifende Waffe als ein gelungenes Gedicht hätte geben können. Ich glaube, dass ich solche Texte nicht geschrieben habe. Es gab den Elan, zugegeben, es gab den Eifer, es gab das unbedachte sehnsüchtige Voranstürmen, das hat aber auch etwas mit Jungenhaftigkeit und Jugend zu tun, mit Aufsässigkeit, die geschürt war durch anderes Gelingen im politischen Alltag, aber ich habe nie darauf gesetzt, dass Literatur im täglichen Politischen sich Orientieren eine Stütze sein könnte. Andererseits ist fraglos auch jede Literatur, jedes gute Gedicht ein Stück Politikgestaltung oder Umgang mit Politikerfahrung. Mir war es aber immer wichtiger, das Gedicht auch einzusetzen als eine Art Sonde. Wenn von den Landschaftsmomenten, von dem Aufflackern von Landschaft in den Gedichten die Rede ist, dann war das nicht die Suche nach Veränderung und Aufhalten von negativer Veränderung, von Eingriffen in die Landschaft, wie es beim Agitprop zu Zeiten ja versucht wurde, sondern es war der Ehrgeiz des Festhaltens von Ruhe, des sich Bewegens in Ruhe, und der damit verknüpften größeren Chance, etwas Gegebenes erst einmal zu begreifen, bevor man es abgeschildert neu in die Welt setzt, in dem fatalen Glauben, damit könne man die Welt verändern.
Dieser allgemeine Fortschritts- und Macherglaube ist eigentlich gute Zeit für Lyrik, weil er Lyrik notwendig macht, weil sie diese Sonde sein kann, aber in der Tat ist es ja schlechte Zeit für Lyrik, weil Lyrik im allgemeinen Literaturbetrieb keine Konjunktur hat. Exemplarisch ist es beschrieben in dem Gedicht, das „Tagtäglich“ heißt, wo diese Schwierigkeiten auf einer persönlichen Ebene beschrieben sind, wo die Schwierigkeiten beschrieben sind, Gedichte zu schreiben.
Man muss sich vielleicht vor Augen führen, dass es zwischen dieser Episode, sage ich ein wenig gehässig des Agitprop-Gedichtes um 68 herum, und der heutigen Verfassung, in der wir uns mühen, Haltepunkte zu finden, für die Lyrik besonders eine noch viel unglücklichere Verirrung gab, nämlich den Umgang mit der sogenannten neuen Innerlichkeit, eine plumpe missverstandene Bemühung rund um den Nabel die Erklärung für Weltenzustände zu finden. Was ja auch gestützt war durch den Irrglauben, das Gedicht oder die Literatur könne eine Art Lebensretter, Lebenshilfe darstellen. Dieser Irrtum war immer schon ein weit verbreiteter und hat den Kitsch und den Unverstand in die Literatur hineingeködert und hat in vielen Köpfen grauliche Verwirrung gestiftet. Da hat es an den Ladenkassen der Buchhändler mitunter heftig geklingelt, weil dieser Irrtum bar Kasse gerechnet wurde, aber damit hat sich ein ernstzunehmender Lyriker weder hier bei uns im Lande noch irgendwo sonst auf der Welt jemals ernsthaft befasst, und ist dem durch das Gelingen ausgewichen.
Vielleicht ist bei Ihnen eine besondere Schwierigkeit, die eigene Arbeit in die Öffentlichkeit und in die Diskussion zu bringen, weil die Maßstäbe, die Sie an Ihre eigene Arbeit setzen, unverhältnismäßig groß sind. Oder woran liegt es, dass es so wenig an eigenständigen Publikationen Ihrer Gedichte gibt?
Man muss vielleicht ganz amüsiert feststellen, dass es mir bis heute gelungen ist, die Karriere des ewig zu spät Kommenden vorzuführen. Ich bin ein sehr langsamer Schreiber und ich arbeite immer wieder am Gedicht, bin also einigen Gepflogenheiten, Usancen im Literaturbetrieb immer erfolgreich, auch manchmal lädiert ausgewichen. Ich hätte natürlich längst mit Erzählungen, einem großen Roman aufwarten müssen, hätte ich permanent im Literaturgespräch sein wollen. Für mich gilt dann aber auch noch, dass ich diese Zeit neben dem Gedicht nicht literaturfern verbracht habe. Ganz im Gegenteil, sehr kontinuierlich über inzwischen fast 25 Jahre hinweg betreibe ich mit Freunden die Arbeit an einer renommierten Literaturzeitschrift den „horen“, und konnte da meine eigene Neugierde gegenüber Neuem befriedigen. Ich konnte erfolgreich als Vermittler von attraktiver Literatur tätig sein, das hat viel Zeit verschlungen, wie man sich vorstellen kann, aber es hat mir auch immer die Chance gegeben, bei meiner Überzeugung zu bleiben, dass Literatur sehr wohl ein Bestandteil der Nahrungskette sein kann, dass wir den Nährstoff Literatur brauchen, dass wir pfleglich besessen obsessiv damit umgehen müssen, es hintragen müssen zu den Nährstoffsuchenden. Und damit habe ich mich ein Leben lang beschäftigt.
Das Verhältnis der Arbeit an den „horen“ und das Verhältnis der Arbeit an den eigenen Gedichten interessiert mich noch ein bisschen mehr: Ist es nicht so, dass der Redakteur, der Literatur auswählt und beurteilt, eine Scheu entwickelt, sich selbst in die Beurteilung anderer zu begeben?
Das ist eine Risikobeschreibung. Mir ist dieses Risikomoment auch immer vor Augen gewesen. Ich glaube aber, dass es sich nicht wirklich schmerzlich eingraben konnte in meinen Literaturalltag, weil einerseits es die sogenannten Hausgötter gab, also diesen Nahrungsvorrat an Literatur bei großen, von mir sehr bewunderten Autoren, andererseits die Überraschung immer wieder ins Haus stand in der Redaktionsarbeit für die Zeitschrift „die horen“. Man bekommt Manuskripte eingeschickt und erlebt es eigentlich in Permanenz, dass die Post höchst überraschendes ins Haus trägt, und dass man dieses neue Moment, dieses neue Nährstoffbündel Literatur auch wieder weitertragen kann zu besessenen Lesern. Das gibt das Stichwort, ich war schon immer davon überzeugt, dass vor der Literaturproduktion das Lesen stehen sollte. Und mich fasziniert das Lesen bis heute. Es ist so ein Reichtum in der Literatur vorhanden, und wir haben uns durch die Arbeit in der Redaktion schon sehr früh schon auch weit über die Grenzen hinaus mit ausländischer Literatur befasst, und feststellen können, dass es Literatur als einen eigenen Kosmos gibt. Da ist das ästhetische Feld so ungeheuer weit.
Da spielen ja auch eine große Rolle die Projekte, die in Edenkoben laufen, die Nachdichtungen zusammen mit namhaften Kollegen. Welche Rolle spielen diese Nachdichtungen etwa niederländischer oder bulgarischer Lyrik eigentlich für die eigene Produktion?
Man erlebt das jeweils Fremde als etwas, das durchsetzt ist mit Spuren aus Eigenem, man entdeckt das Eigene im Fremden und umgekehrt, und kann sich daraus vorzüglich bedienen, salopp gesagt. Gerade in fremden Kulturen steckt für uns die Chance, etwas herauszufiltern, etwas herauszulesen, sich zu eigen zu machen, was einen selbst erst komplettiert. Die Wahrnehmung erweitert sich ganz automatisch, der Reichtum der Formen, die mitunter überraschende Unbekümmertheit Neues zu gestalten, nicht nur aus Traditionen heraus, aber wenn aus Tradition, dann aus völlig anders begründeter, aus anders gestifteter als wir sie kennen. Das ist dann fast so, als sei man in einem nicht abreißenden Glücksstrom unterwegs.
Wer sich auf die lohnende Reise durch Johann P. Tammens lyrischen Kosmos begeben möchte, wozu ich sehr rate, hat die Möglichkeit dazu in den beiden Bänden mit seinen Gedichten und Nachdichtungen, die 2019 im Göttinger Wallstein-Verlag erschienen sind: Bd. 1: Stock und Laterne, Ausgewählte Gedichte 1969 - 2019; Bd. 2: Wind und Windporzellan, Nachdichtungen. Von Guillaume Apollinaire bis Valentino Zeichen, 488 S., 6 Abb., 2 Bände