Angesichts der Kürzungen im Etat des Stadttheaters Bremerhaven, die die politischen Mehrheiten aus SPD, CDU und FDP im Magistrat beschlossen haben, scheint mir ein Blick auf die Geschichte und die Bedeutung dieser zentralen kulturellen Institution sinnvoll zu sein. Damit will ich einen kleinen Beitrag zu einer meiner Meinung nach überfälligen Diskussion leisten, in welcher Stadt wir in Zukunft leben wollen.
Die erste Eröffnung
Es gibt kaum etwas in Bremerhaven, bei dem lange so große Einigkeit bestand wie beim Stadttheater Bremerhaven. Schon die erste Eröffnung 1911 war ein erstaunlicher Kraftakt einer damals ja tatsächlich kleinen Stadt, der im Wesentlichen durch beachtliche Spendenbereitschaft von theater- und kulturbeflissenen Bürgern der Stadt vollbracht wurde, um die zentrale Funktion Bremerhavens für die Unterweserorte zu behaupten. Damit zeigt sich die sinn- und statusstiftende Funktion einer kulturellen Institution wie sie das Theater war und, trotz mancher Verschiebungen der kulturellen Gewohnheiten, heute noch ist.
Die zweite Eröffnung
Auch die zweite Eröffnung des Theaters nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg ging im Wesentlichen auf bürgerliches Engagement zurück. In einer Zeit, in der es vor allem darum ging, die Stadt in ihren Grundfunktionen wieder aufzubauen, war zugleich das Bedürfnis nach Theater so groß, dass viele Menschen für den Wiederaufbau des Theaters spendeten. Das Stadttheater Bremerhaven fühlte sich bei der Neueröffnung an Ostern 1952 seinen Spendern und Bürgern verpflichtet und lud dazu ein, es in Besitz zu nehmen, indem es in dichter Folge Oper, Konzert und Schauspiel bot. 45 Jahre lang war das Stadttheater dann - baulich praktisch unverändert - kultureller Mittelpunkt nicht nur Bremerhavens, sondern der gesamten Unterweserregion. Dies trotz einer sich schnell verändernden Zeit, in der seine Existenz nicht nur einmal in Frage gestellt wurde.
Am heftigsten in Frage gestellt wurde das Stadttheater Bremerhaven in den 1970er Jahren vom SPD-Fraktionsvorsitzenden und späteren Oberbürgermeister Werner Lenz, der geradezu obsessiv mit klassenkämpferischen Parolen die Existenz des Theaters angriff. In seiner Kritik zum Ergebnis einer Theaterreformkommission unter Leitung des Kulturdezernenten Alfons Tallert holte Lenz die ganz große Keule heraus, die in ihrer Absurdität es rechtfertigt, sie auszugsweise zu zitieren:
„Dem vermeintlichen Anspruch des Kulturellen in unserem Leben werden oft unkritisch unverständliche Avancen gemacht. Selbst intelligente Menschen lügen sich da gern etwas in die Tasche, weil es zur Pflichtaufgabe der ‚feinen‘ Gesellschaft in dieser Gesellschaft gehört, die ‚hehre‘ Kultur mit verbalem Schmalz zu salben. Das Resultat ist dann der aufgeblasene Bildungshochmut, der in aggressiver Manier jedem anständigen, trotz mangelnder Theaterlust ehrlichen und gutmütigen Mitmenschen Minderwertigkeitskomplexe aufschwätzt. (…) Begreifen wir doch endlich, daß ein System, das im ganzen ungerecht ist, partiell nicht gerecht sein kann. Eine kapitalistische Wirtschaftsordnung kann nicht gleichzeitig eine sozialistische beinhalten. Ebensowenig läßt sich eine sozialdemokratische Theaterkonzeption – falls es sie gäbe – in einem bürgerlichen Theater verwirklichen.“ Das war Theaterdonner der gröberen Sorte, auf den der damalige Chefredakteur der Nordsee-Zeitung Rudolf Dahmen geradezu feinsinnig antwortete: „Wer das Theater so, wie Lenz, als ‘Theater der herrschenden Klasse‘ bezeichnet, muß sich doch fragen lassen, wer in Bremerhaven die herrschende Klasse eigentlich ist?“
(Ausführlich berichtet Hans-E. Happel darüber in seinem Buch „Gesetzt den Fall, wir schließen das Theater“) Es hat dann doch auch und gerade in der Bremerhavener Sozialdemokratie genügend Leute gegeben, die den Wert des Stadttheaters für die Identität einer Stadt begriffen und es mit Zähnen und Klauen verteidigt haben, so dass die Attacken des SPD-Granden abgewehrt werden konnten. So es hatte seinen Grund, dass am 4. März 1970 der Verein zur Förderung des Theater- und Musiklebens gegründet wurde, als die Diskussionen über die Existenzberechtigung des Theaters hochkochten.
Die dritte Eröffnung
Mit dem Neubau des Werkstatt- und Probengebäudes und der Sanierung des Haupthauses ist von 1997 bis 2000 zum dritten Mal in der noch jungen Geschichte des bremischen Bremerhavens ein Kraftakt zugunsten des Theaters gelungen, der aus drei Gründen bewältigt werden konnte. Zum einen gab es eine breite politische Übereinstimmung in der Stadt Bremerhaven und im Land Bremen über die Bedeutung des Stadttheaters Bremerhaven für die - nicht nur kulturelle - Identität der Stadt an der Unterweser. Zum zweiten gab es wiederum ein bemerkenswertes finanzielles Engagement der Bürgerinnen und Bürger für ihr Stadttheater. Zum dritten ist es der Städtischen Wohnungsgesellschaft (Stäwog) gelungen, die verschiedenen finanziellen Möglichkeiten zu bündeln und ein langfristig seriöses und tragfähiges Finanzierungskonzept mit allen Beteiligten abzustimmen. So hatte die dritte Eröffnung des Stadttheaters Bremerhaven am 1. Dezember 2000 durchaus paradigmatischen Charakter für die Leistungsfähigkeit der Stadt Bremerhaven – wenn denn alle über Parteigrenzen hinweg einig sind und an einem Strang ziehen!
Theater mit Zukunft?
Denn Theater muss der Ort sein, an dem und um den es sich zu streiten lohnt. Theater kann eine Welt sein, in der die Welt aufgehoben ist. Dies gilt gerade auch in einer Zeit, in der die beliebig reproduzierbaren Produkte der Kultur- und Unterhaltungsindustrie suggerieren, sie gäben den Pulsschlag der Zeit vor. Die sogenannten neuen Medien ziehen allenthalben Faszination auf sich, Multimedia und Social Media gelten als Zauberworte. Gegen diese Konkurrenz wird sich das Theater behaupten müssen, wenn es überleben will. Technisch stehen ihm dazu (fast) alle Wege offen, doch es kommt darauf an, der Technik nicht zu erliegen. Theater ist dann authentisch, wenn es sich auf seine Mittel besinnt und den Ort ernst nimmt, an dem es sich befindet. Das Theater ist schon immer Anfeindungen und Konkurrenzen ausgesetzt gewesen. Wenn es sich bewährt und durchgesetzt hat, dann nicht deshalb, weil sich eine gute Sache ohnehin durchsetzt, sondern deshalb, weil sich das Theater gewandelt hat und sich im Kern treu geblieben ist. Beispielsweise versuchten sich die städtischen Theater in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen eine zunehmende Zahl von Jahrmärkten und Zirkusvorstellungen zur Wehr zu setzen, indem sie diese Unterhaltungsunternehmen als „niedere Kunstform“ anzuschwärzen versuchten und für sich die „höhere Kunst“ reklamierten. Der denunzierende Verweis auf die Anderen half dem Theater nicht: Es musste seine eigene Rolle zwischen den Polen Bildung und Zerstreuung finden.
Die Konkurrenz heute besteht nicht nur in den neuen Medien, sondern auch in neuen Theaterformen. Erstaunlich viele Menschen gehen beispielsweise in Musicals in eigens dafür errichteten und beliebig irgendwohin gebauten Häusern, in denen handwerklich perfektes Theater geboten wird. Stadttheater können da nicht mithalten. Ja, es wäre töricht, würde sich ein Stadttheater auf diese Konkurrenz einlassen, weil es sie nicht bestehen könnte. Das Stadttheater muss künstlerisch auf professionellem Niveau in und für die Stadt und die Menschen, die hier leben, aktiv und sichtbar sein.
Denn das größte Kapital des Stadttheaters Bremerhaven war und ist sein Publikum, die Bürgerinnen und Bürger, die es als ihr Theater begreifen und die die in ihm aufgehobene Vielfalt in vielerlei Hinsicht zu schätzen wissen. Für sie kann und soll es Bezugspunkt sein, ein identitätsstiftender Ort der Stadt. Es war und ist seit langem ein „dritter Ort“, als es diese Bezeichnung noch gar nicht gab, und dessen Bezeichnung heute gerne verengt vor allem auf Stadtbibliotheken angewendet wird.
Das Stadttheater muss in die Stadt und die sie umgebende Region wirken. Dazu muss es offen sein, dazu muss es sich zur Stadt hin öffnen, zu seinen Bürgerinnen und Bürgern. Dass es auch ein Kinder- und Jugendtheater als eigene Sparte gibt, ist das beste Geschenk, das sich das Stadttheater Bremerhaven selbst und dem Publikum machen konnte. Dies zu erhalten und womöglich auszubauen, wäre, nein ist eine überragende Aufgabe von Politik und Gesellschaft Bremerhavens. Finanzielle Kürzungen zugunsten einer anderen kulturellen Institution wie der Stadtbibliothek strangulieren auf Dauer das Theater und führen zur Verarmung des städtischen Lebens. Stattdessen gilt es Wege zu finden, das kulturelle Leben einer Stadt wie Bremerhaven zu sichern und auszubauen. Das gilt zumal in einer Stadt, die sich in einem großen Umbruch befindet, in der sich die meisten Arbeiter aus Zeiten des Klassenkampfs schon lange im Mittelstand eingerichtet haben. Sie muss sich von einer engen, auf sich bezogenen zu einer „offenen Stadt“ entwickeln, wie sie der Jeanette-Schocken-Preisträger Richard Sennett beschrieben hat und fordert.